Akte Zwingli

​Die Anfangsszene ging den 500 Kirchenbesuchern unter die Haut. Sie eröffnet "Die Akte Zwingli", ein "Mysterienspiel", das Ende Juni im Zürcher Großmünster aufgeführt wurde. Die imposante Kirche, einst Wirkungsort des Schweizer Reformators, verwandelte sich an zehn Abenden für anderthalb Stunden in ein sakrales Schauspielhaus. Ernst und Vergnügen, Lebenslust und Engstirnigkeit, Leichtigkeit und Todesschwere, Sex, Gott und Glaube: So viele Facetten des prallen Lebens gab es wohl noch nie in einer Kirche. Schon gar nicht in einer reformierten, in der Kunst und Bilder sonst eher abgelehnt werden.

Im Mittelpunkt steht Ulrich Zwinglis Frau Anna. Sie bricht zusammen, als sie vom Tod ihres Mannes erfährt. Ein herzerweichender Choral tröstet sie: Psalm 23, "Der Herr hirtet mich". Danach wird die "Akte Zwingli" in einer Rückschau aufgeschlagen: Der Familienvater tollt mit seinen Kindern. Er entdeckt die Botschaft der Bibel, die alle weltlichen Mächte, auch die Kirche, infrage stellt. Die Ratsherren des Großmünsters sind der neuen Lehre gegenüber zunächst skeptisch – sie werden gespielt von Zürcher Laien, in deren Gesichtern sich die Beharrlichkeit der verkrusteten Kirche spiegelt.

Regisseur Volker Hesse nutzt den Kirchenraum für starke Bilder und unerwartete Pointen. Die Nebenschiffe, in denen einst Seitenaltäre standen, werden überraschend zu Spielflächen. Auf Trennvorhängen werden Videoinstallationen gezeigt. Mehrmals öffnen sich die Vorhänge und geben den Blick auf acht kleine Bühnen frei, auf denen die Schauspieler als Standbilder drapiert sind; Szenen, wie von Breughel, Holbein oder Cranach gemalt. Dann wieder turnen sie durch die Kirche.

Dem Publikum stockt fast der Atem, wenn sie blitzschnell zwischen den Köpfen der Menschen nach vorne springen oder scheinbar die Kirchenmauern herunterstürzen. Sie balgen sich und tanzen wie Pestbeulen auf Gräbern, sie erklimmen die Kanzel und streiten heftig auf dem Taufstein.

Auch Martin Luther betritt die Szenerie, als übergroße Pappmaschee-Karikatur. Zwingli streitet mit ihm über die Bedeutung des Abendmahls: Wird das Brot zum Leib Christi, oder ist Christus beim Abendmahl nur gegenwärtig? Am Ende beobachtet Anna Reinhart verstört, wie ihr Mann mehr und mehr verhärtet: Zwei Anhänger der Täuferbewegung müssen mit seiner Zustimmung sterben. Der Hinrichtungszug bewegt sich mit dem Publikum aus der Kirche auf den Kirchplatz, wo Feuer lodern. Hoch oben auf dem Kirchdach erscheint Zwingli und spricht zum Publikum.

Deutlich wird: Wie Luther war Zwingli ein Mann mit Licht- und Schattenseiten, mit tiefem Glauben und großen Zweifeln. Der Pazifist wird zum Kriegstreiber, der Fromme zum Eiferer, der liebevolle Familienvater zum pastoralen ­Workaholic. 
Quelle: Sonntagsblatt vom 6.07.2017 Reformatorischer Bildersturm von Uwe Birnstein

Es folgten weitere konzertante Aufführungen im selben Jahr.

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Akte Zwingli                

Ein Oratorium

 

 

Von Christoph Sigrist und Hans-Jürgen Hufeisen

2./3. November 2018

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4. November 2017

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29. September 2017

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